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60 Jahre Schroth – eine Zeitreise
Peter M. Kleine

Anfänge – ein Unternehmer muss was unternehmen
Carl Friedrich Schroth (1909-1997) war von Jugend an ein begeisterter Motorradsportler und Techniker. Vor dem 2. Weltkrieg kam er als Betriebsleiter des Instandsetzungswerkes zu LUEG in Bochum, damals Deutschlands größter BMW- und Daimler-Benz-Händler. 1943 – die Luftangriffe auf das Ruhrgebiet nahmen an Härte zu - wurde der Betrieb nach Neheim-Hüsten ausgelagert. 1948 schloß LUEG das Werk in Neheim und kehrte nach Bochum zurück.

Die Schroths dagegen blieben: Der entscheidende Standortfaktor? Weder Verkehrsanbindung noch Arbeitskräfte - es war die Ernährungslage. Noch herrschte Mangelwirtschaft in Deutschland. Im kleinen Neheim-Hüsten, mitten im ländlich geprägten Sauerland konnte man damals eine Familie besser ernähren, als im Ruhrgebiet.
Außerdem hatten sich die SCHROTHs bereits ein zweites Standbein geschaffen. Am 12.6.1946 meldete Ehefrau Hildegard, geb. Tobler, einen Textilbetrieb bei der Militärregierung an. Die gelernte Schneiderin nähte Filterschläuche und Kleidungsstücke für Fahrzeuggasgeneratoren. Besonders erfolgreich war ihre Motorradschutzkleidung. Auch die von Carl Friedrich montierten Kinderwagen fanden einen guten Absatz. Der kleine Betrieb brauchte bald mehr Platz, 1953 wurde eine eigene Halle am Siegenbittel im Ortsteil Hüsten bezogen.

Mitte der 1950er begann der Siegeszug des PKW in Deutschland. Das Motorrad wurde als Träger der Motorisierung des „kleinen“ Mannes verdrängt. 1954 brach das Geschäft mit der Motorradkleidung geradezu ein: Ein langer, harter, nasser Winter nahm vielen die Freude am motorisierten Zweirad. Selbst eine kleine Isetta, ein Kabinenroller oder Kleinschnittger, ganz zu schweigen vom VW-Käfer boten mehr Schutz vor den Unbilden des Wetters.
Fieberhaft suchten die Schroths nach neuen Produkten; zwei-drei Jahre probierten sie es auch mit Leuchten, ganz in der Tradition der Leuchtenstadt Neheim.
Die Zukunft lag woanders. Schon bald nach dem Krieg frönte Carl Friedrich Schroth wieder seinem Hobby, dem Motorsport. Vor dem Krieg ein flotter Motorradfahrer stieg er in den 1950ern selbst auf Borgward und Simca um. Er nahm begeistert an Rallyes teil und stieß auf ein Problem: Ihn störte, dass sein Beifahrer nicht ordentlich die Karten lesen und Routen bestimmen konnte, ständig wurde er im Sitz hin- und hergeschleudert. „Der wird jetzt festgebunden!“, beschloss Schroth. Aus Rolladenband und Mantelschnallen ‚schneiderte‘ er seinem Co-Piloten einen Halteriemen. Er hatte damit den ersten deutschen Gurt, einen Hosenträgergurt, entwickelt.

Dicke Bretter bohren – Sicherheitsbewußtsein entwickeln
Noch war dieser Haltegurt kein Sicherheitsgurt. In den USA begann die Debatte um die passive Sicherheit der Fahrzeuginsassen. Auch in Deutschland nahm mit dem Verkehr die Zahl der Verkehrstoten erschreckend zu.
Dennoch war das Sicherheitsbewußtsein hier noch wenig entwickelt. Schroth war bald klar, dass ein Einzelkämpfer hier keine Chance hatte. Alsbald engagierte er sich für die Bildung von Arbeitskreisen, betrieb Gremien- und Lobbyarbeit.

1956 formulierte Schroth eine „Empfehlung zur Erhöhung der Sicherheit von Kraftfahrzeug-Insassen“ für das Verkehrsministerium. Er präsentierte eine umfassende Analyse der Aspekte die für Sicherheit eine Rolle spielen – das Wort fällt nicht, aber Schroth dachte bereits damals an Sicherheit als Ergebnis eines Systems ineinandergreifender technischer und menschlicher Faktoren. Deutlich verwies er auf die us-amerikanische Diskussion. Dieser Blick über den Atlantik sollte bei Schroth immer eine große Rolle spielen.

Als kleiner Unternehmer, der sich keine großen Breitenwerbungs-Kampagnen leisten konnte, suchte er gleichzeitig prominente Leitfiguren, die möglichst vielen Menschen das Thema Gurt nahebringen sollten. Das war nicht leicht. Der liberale Bundespräsident „Papa“ Heuss wollte sich im Auto nicht „anbinden“ lassen.

Anders Joachim „Blacky“ Fuchsberger. Der 29jährige steil aufsteigende Kino- und TV-Star war passionierter Porschefahrer. SCHROTHs Gurte begeisterten ihn so sehr, dass er bis in die 70er Jahre hinein öffentlich bei jeder passenden Gelegenheit auf die Notwendigkeit von Sicherheitsgurten hinwies. Eine Marketingerfolg ohne Gleichen, ein wichtiger Anschub für die Durchsetzung der Innovation Sicherheitsgurt. Hier wird exemplarisch eine Kundengruppe fassbar, die SCHROTH bis heute pflegt: Sportive, ambitionierte Fahrer schneller Fahrzeuge, die auf Qualität und Sicherheit auch ihrer Mitfahrer Wert legen.
Freilich konnte das Unternehmen zunächst von Gurten allein nicht leben. Bis in die 1960er hinein stellte man weitere Produkte her, die ganz im Sinne der ganzheitlichen Sicherheitsanalyse von 1956 teilweise den Gurt als Sicherheitssystem ergänzen: Fußstützen, Kopfstützen, Polsterungen für die Sonnenblenden. Hinzu kamen Accessoires wie Regenschirmhalter und Campingklappliegen für die neue Freizeitgesellschaft.
Doch die Tendenzen waren vielversprechend: 1956 verließen 350 Gurte das Werk, 1957 waren es die vierfache Menge.
Zwischen 1951 und 1960 stieg die Zahl der PKWs in Deutschland um das Sechsfache auf 4,8 Mio. Die „Epochengrenze zur motorisierten Gesellschaft“, schreibt der Historiker Peter Borscheid, war überschritten. 1971 waren bereits 14,4 Mio. Autos in Deutschland gemeldet. Unter dem Eindruck dieser Massenmotorisierung und ihrer Folgen begann spätestens Anfang der 1960er Jahre eine Reglementierungs- und Limitierungsphase in der Automobiltechnik. Neue, besonders in den USA entwickelte, Sicherheitsnormen betonten die passive Sicherheit unter anderem durch Rückhaltesysteme. In Europa trieb besonders Volvo in Schweden die Entwicklung von Sicherheitsgurten voran. Zwischen 1955 und 1973 nahm SCHROTH neben vielen anderen deutschen Herstellern die Entwicklung und Produktion von Beckengurten, 3-Punkt-Gurten, Automatikgurten sowie auch von mechanischen Gurt-Kraft-Begrenzern auf. Dabei kam es darauf an, nicht nur sichere, sondern auch benutzerfreundliche Gurte zu entwickeln. Vor allem Automatikgurte bedeuteten ein deutliches Mehr an Komfort, mussten sie doch nicht mehr ständig von Hand justiert oder nach der Benutzung aufgefaltet werden. SCHROTH setzte konsequent auf Forschung und Qualität. Neue Werkstoffe wie der Polyester TREVIRA wurden eingeführt. Ende der 1950er stellte die Hoechst AG in Frankfurt/M. den ersten dynamische Testschlitten in Deutschland auf. SCHROTH gehörte zu den ersten Kunden. Ab 1961 zeigte man international auf den IAAs Flagge.

Kehrtwende am Ziel
Unter dem Eindruck von etwa 20.000 Verkehrstoten jährlich zu Beginn der 1970er Jahre trug die intensive Überzeugungsarbeit in Politik, Verbänden und Gesellschaft für die Verbesserung der passiven Sicherheit auch in Deutschland endlich Früchte. Nach langen, heißen Diskussionen - in der Presse war bisweilen von „Anschnallzwang“ und „Sicherungsverwahrung“ die Rede - mussten PKW mit Gurten ausgestattet werden. Mitte der 1970er folgte die Anlegepflicht auf den vorderen Sitzen. Die Hersteller von Autogurten schienen am Ziel ihrer Träume.
SCHROTH dagegen vollzog eine harsche Kehrtwende. Vater und Sohn Carl Jürgen Schroth,  – seit 1971 im Betrieb – entschieden sich dagegen Erstausrüster für die KFZ-Industrie zu werden. Zu groß erschien beiden das Risiko, als kleines Familienunternehmen von den mächtigen Autokonzernen abhängig zu werden. Die Geschichte zeigte, wie richtig diese Entscheidung war. Sie sicherte die unabhängige Fortexistenz des Unternehmens.
Zunächst profitierte SCHROTH mit gigantischen Umsätzen von der Gurt-Nachausrüstungskonjunktur. Doch sie brach im Mai 1976 ab. SCHROTH musste Personal abbauen. Inzwischen gelang jedoch die Neuformierung der Produktpalette. Man kehrte zu den Anfängen – den Hosenträgergurten -  zurück.
1973 kam der Rallye-Hosenträgergurt 4003 auf den Markt – ein „Renner“. Von ihm und seinen Varianten wurden bis 1987 500.000 Stück verkauft. Kein anderer Gurt dieser Art war bis dahin so häufig produziert worden. Mitte der 1980er stellte SCHROTH unter Gewährleistung weiterhin höchster Qualitätsstandards bis zu 100.000 Gurte im Jahr her und stieg zum weltweit größten Hersteller von Hosenträgergurten auf.
Wie war das trotz Ölkrise und Konjunktureinbrüchen möglich? Mit Beginn der Anschnallpflicht entschied sich mancher Fahrer bewusst für Qualität - frei nach dem Motto: Wenn ich schon Gurte nehmen muss, dann will ich etwas ordentliches haben! - Und damit für SCHROTH-Hosenträgergurte. Ein neuer Zeitgeist erfasste vor allem junge Fahrer. Ein Manta, Capri, Golf GTI ohne Hosenträgergurt? Undenkbar! Kunden waren zu 90 % junge, sportive Fahrer zwischen 19 und 30 Jahren. In dieser Generation waren SCHROTH-Gurte – ihre Technik, vor allem aber das Design und der Namenszug - einfach „kult“. Und wenn das Geld nicht reichte, dann war eben der SCHROTH-Aufkleber der erste Schritt zum Tuning ...
SCHROTH sprach diese Zielgruppe gezielt an: Rennen, Rallyes wurden unterstützt. Vielen in guter Erinnerung ist der „Wanderzirkus“ der SCHROTH-Westfalen-Trophy. Nicht nur die Fahrer, sondern vor allem die Fans, die vielen Anhänger der Szene, schworen auf SCHROTH.
Das Unternehmen wuchs. Die Belegschaft nahm zu. Schließlich fiel die Entscheidung für einen neuen Standort. 1988/89 begann die Produktion in der neuen Betriebsstätte Im Ohl.

Herausforderungen, Krisen und technologische Sprünge
Die „Monostruktur“ der Kunden allerdings war SCHROTH selbst nicht ganz geheuer. Es würde – so fürchtete der Geschäftsbericht 1986 – bald schlimm kommen: Mitte der 1980er gehörten diese Kundengruppe noch zu den geburtenstarken Jahrgängen. Der „Pillenknick“ war absehbar. Schon ab Mitte der 1990er würden die Abnehmer der Hauptumsatzträger dahinschmelzen – eine beunruhigende Perspektive. Als trotz aller demografischen Analysen Politiker noch die Sicherheit der Renten verkündeten, suchte SCHROTH bereits nach alternativen Kundenkreisen und neuen Märkten. Zunächst sah man das Heil in Sondergurten und speziellen Problemlösungen, beispielsweise für Schwingsitze in LKWs, für Baumaschinen, Krankentransportwagen, UL-Flugzeuge. Aber - so die Prognose 1986 - all dies würde nicht ausreichen, um die zu befürchtenden Umsatzrückgänge auszugleichen. Was tun?

Zu den düsteren demografischen Perspektiven traten weitere Probleme. Ende der 1980er neigte sich der Produktzyklus der Erfolgsmodelle seinem Ende zu.
Ungemach drohte zudem von Seiten des Gesetzgebers. Schlaglichtartig wird aus heutiger Sicht deutlich, wie wichtig es für ein kleines oder mittleres Unternehmen ist, allgemeine Entwicklungen und generelle Trends, die seinen Geschäftsbereich tangieren könnten, nicht nur zu beobachten, sondern auch mit Know-how zu beeinflussen.
Ende der 1980er wurde eine Änderung des §35 der StVZO vorbereitet, nach der nur noch 3-Punkt-Gurte in KFZ zugelassen werden sollten. Das hätte für Hosenträgergurte und damit für SCHROTH das Aus bedeutet. Nur dank intensiver Überzeugungsarbeit unter Offenlegung aller Risiken und Chancen dieser Gurte konnte die Gefahr abgewandt werden – die von Insidern so genannte LEX SCHROTH wurde rechtskräftig. Sie verlangte allerdings eine Vielzahl von Sonderprüfungen, durch aufwändige Testreihen zu belegender Zertifizierungen und Fahrzeugvermessungen. Genau in diesen Forderungen jedoch lag eine Zukunftschance für SCHROTH.
Spätestens seit Mitte der 1980er – so der renommierte Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser - beeinflussten zwei wesentliche Tendenzen den Wandel der Arbeitswelt in Deutschland: Die zunehmende Verwissenschaftlichung von Produkten und Produktion, sowie eng damit verknüpft, die Globalisierung. Die neuen Forderungen der StVZO veranlassten SCHROTH, die Forschung am Produkt weiter voranzutreiben und zu vertiefen. Das schuf eine entscheidende Wissensbasis für künftige intelligente Produkte. Mehr noch: Diese Forschungen konnte sich ein Hersteller nur leisten, wenn er entsprechende Stückzahlen produzierte – zur damaligen Zeit war das nur SCHROTH. Das Ergebnis war eine faktische Monopolstellung durch technologischen Vorsprung.
Doch zunächst häuften sich die Probleme. Tatsächlich mussten die Hosenträgergurte verbessert werden, weil im Falle eines Aufpralls in bestimmten Situationen der angegurtete Körper unter dem Beckengurt „durchtauchen“ konnte. Um dieses „submarining“ zu verhindern, gelang es SCHROTH, unterstützt von VW in Kooperation mit dem TÜV-Rheinland die asm-(antisubmarining)Technologie zu entwickeln und 1988/89 einzuführen. Fast zeitgleich verlangte eine neue europäische Norm die Einführung einer Gurt-Verzögerung, die nicht mehr allein auf den Gurtbandauszug reagierte. SCHROTH löste das Problem durch einen elektrischen Sensor. Ein erstes entsprechendes Produkt wurde jedoch zu früh auf den Markt geworfen. Obwohl es gelang, die Hindernisse zu überwinden, kostete dieser Rückschlag Marktanteile.
Weitere Schwierigkeiten im Kerngeschäft Hosenträgergurte folgten. Der Markt in Deutschland ging zurück, nicht nur wegen des „Pillenknicks“.
Die Standard-3-Punkt-Gurte, die zur Erstausstattung der PKWs gehörten, wurden immer sicherer, komfortabler und auch ansehnlicher, die Innenausstattung der PKW wurde aufwändiger und komplexer. Das erschwerte die Nachrüstung mit Hosenträgergurten. Heute werden noch ca. 20.000 SCHROTH-Hosenträgergurte in den verschiedensten Farben für trendbewusste Fahrer, die passende Accessoires für ihre individuelle Innenausstattung suchen, die Tuningszene und Rallye-Fans gefertigt und – etwa bei Szenetreffen - direkt vom Truck verkauft. Hinzu kommen weitere Gurte, die unter anderen Markennamen verkauft werden.

Deutliche Umsatz- und Gewinnschwankungen prägten daher die erste Hälfte der 1990er Jahre – während gleichzeitig erhebliche Mittel für die notwendigen Neuentwicklungen bereit gestellt werden mussten. Immerhin, die Hausbanken hielten SCHROTH die Treue.

Doch wohin sollte die Entwicklung gehen? 1996 dachte man über ein „Billigprodukt“ unter anderem Namen nach, plante einfacher zu bedienende Gurte, die Aufnahme einer Auslandsfertigung in Osteuropa. Aber Carl J. Schroth fand eine neue Nische.

SCHROTH geht in die Luft ...
1991/1992 begann der Einstieg in den Luftfahrtmarkt – SCHROTH entwickelte und lieferte Spezialgurte für Flugbegleitersitze zunächst an Airbus. Jetzt zahlten sich die Entwicklungen und Forschungsinvestitionen seit Ende der 1980er u.a. in die asm-Technologie aus. Sie ebneten SCHROTH den Weg in den neuen Geschäftsbereich. Dazu kam eine gehörige Portion Chuzpe. Im Vertrauen auf den eigenen technologischen Vorsprung strebte SCHROTH direkt eine führende internationale Stellung an. Wie schon 1974 verzichtete das Unternehmen auf das Massengeschäft, die „Beckengurte für Passagiersitze“.
Sollte dieser Anspruch ernst genommen werden, musste das Unternehmen weiter in Richtung Globalisierung und Internationalisierung gehen, als bisher. 65% des Luftfahrtgeschäftes spielten sich in den USA ab. Dieser Markt war nur mit einem Standbein in den USA selbst erfolgreich anzugehen. 1993 wurde daher SRS (SCHROTH RESTRAINT SYSTEMS) in Boulder, USA gegründet. Eine breite Palette von Gurten und Rückhaltesystemen für verschiedenste Flugzeuge und Hubschrauber wurde entwickelt. 1995 beispielsweise erhielten SCHROTH-Rückhaltesysteme mit Drucktastenverschluss die Zertifizierung durch die FAA. Diese – für Luftfahrtsitze neue - Verschlussvariante bot vor allem für Helikopter mit ihren relativ engen Sitzverhältnissen sicherere Produkte. Der Erfolg war durchschlagend: Bereits 1998 gehörten SCHROTH-Produkte in 80% aller Hubschrauberprogramme zur Erstausstattung.
1997 kommunizierte der neue Firmenname SCHROTH Safety Products die internationale Ausrichtung des Unternehmens nach innen wie nach außen. 1999 folgte der Entschluss, in den USA selbst eine Produktion aufzunehmen, 2001 lief in Florida die Produktion an. Dabei gilt: ‚Designed in Germany – produced in USA‘.
Immer wieder ist Carl J. Schroth die treibende Kraft für neue Lösungen. 1996 trifft in Arnsberg ein Fax aus Dallas ein: „Konnte eine Nacht in Dallas schlecht schlafen und habe dabei über den sich lösenden Schultergurt für NH 90 nachgedacht. Wahrscheinlich die Lösung gefunden. Bitte einen Konstruktionsentwurf und eventuell ein Funktionsmuster erstellen.“ Nicht immer genügte ein Geistesblitz. Forschung und Entwicklung nahmen auch personell einen immer größeren Platz ein. Man ging die Probleme gründlich an, auch wenn sie manchmal ein Schmunzeln entlocken:
„Ich habe zugesagt, dass wir an dem Problem Cola/Ketchup-Effekt für Drucktastenverschlüsse weiterarbeiten werden ...“, schrieb Schroth 1998.

... und bleibt auf dem Boden
So wie das technische Wissen nicht zuletzt aus der Rallyeausstattung 1991 den Einstieg in die Luftfahrttechnik erleichterte, konnte SCHROTH Erkenntnisse aus dem Luftfahrtbereich für eine verstärkte Präsenz auf den Rennstrecken der Welt nutzen. Mitte der 1990er wuchs die Nachfrage nach sichereren und komfortableren, sowie immer leichteren Rückhaltesystemen auch für die Formel 1. Häkkinen und Alonso, Schumacher wie Coulthard schworen und schwören auf SCHROTH-Gurte. Wie entscheidend neben der technischen Überlegenheit der Service war und ist, mag folgende Begebenheit zeigen:
2003, Barcelona: David Coulthard testet vor dem Auftakt der Formel-1-Saison in Melbourne die neue HANS (head and neck support)-Technik, die SCHROTH bis heute in Lizenz herstellt und mit Gurten ausstattet. Allein funktioniert es nicht so recht. Coulthard will ein völlig neues Gurtsystem. Binnen drei Tagen trifft ein HANS-System von SCHROTH mit neu eingepassten Doppelgurten zu Testzwecken in Barcelona ein. Aber es fehlen noch die Sondertests für die FIA – doch dank guter Kontakte und einer über Jahre gewachsenen persönlichen Vertrauensbasis wird auch diese Hürde genommen. Coulthard ist hochzufrieden und gewinnt das Rennen in Melbourne - natürlich.
Dieses Beispiel und viele andere überzeugten. Zwischen 1997 und 2006 kann SCHROTH den Umsatz im Rennsportgeschäft verhundertfachen. Der weltweite Marktanteil für Renngurte außerhalb der USA liegt heute bei 70%.

Global Player in Global Teams
Diese Erfolge mit intelligenten, maßgeschneiderten Produkten höchster Qualität galt es auszubauen. Die Arbeit für Sonderprojekte, Neuentwicklungen, vor allem aber die alte Erkenntnis, dass in sicheren Rückhaltesystemen viele Komponenten ineinander greifen müssen, führten SCHROTH vermehrt in projektorientierte Partnerschaften und internationale Kooperationen.
Das kostete auch Lehrgeld. Nicht immer passten die unterschiedlichen Unternehmens- und Kommunikationskulturen zusammen. Doch ab 2001 ging es Schlag auf Schlag, zu den wichtigsten Allianzen zählen:
2001 Strategische Allianz mit Goodrich Corp. zur Entwicklung und Vermarktung eines aufblasbaren Gurtsystems. Sie führte 2004 zur exklusiven Übernahmen der entsprechenden Lizenzen durch SCHROTH.
2002 Lizenzvertrag mit Hubbard/Dowding für HANS (Head and Neck Support) Systems
2003 im „CEST“-Team kooperieren neben SCHROTH weitere Experten für Sitztechnologie zur Bewerbung für Ausstattung des Airbus A 400M-Transportflugzeuges.
Ebenfalls 2003 Kooperation mit der Firma König Komfort- und Rennsitze GmbHzur Entwicklung von Rückhaltesystemen für militärische Fahrzeuge.
2004 Kooperation mit SPARCO, einem bedeutenden italienischen Hersteller und weltweiten Distributor von Motorsportzubehör in Italien.
2005 Safetelligence GmbH & Co KG zur Entwicklung eines Rettungssystems für Hochhäuser.

Zahlen aus den letzten Jahren lassen die Rasanz der Entwicklung in den letzten Jahren nur ahnen. Ohne eine funktionierende, auf Mitverantwortung, Kooperation und Fairness setzende Unternehmenskultur, sind diese Leistungen nicht denkbar. Spitzentechnik, Innovation, Service und Qualität können nur mit motivierten, qualifizierten MitarbeiterInnen gelingen. Seit den 1980ern gilt der Slogan der „SCHROTH-Familie“ - nicht nur in guten Zeiten. Dabei ist nicht zu unterschätzen, welche Integrationsleistung ein Unternehmen gerade auch in Wachstumsphasen leisten muss, wenn sich beispielsweise die Belegschaft – wie bei SCHROTH zwischen 1997 und 2002 - in fünf Jahren mehr als verdoppelt. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung kundenspezifischer Problemlösungen kommt einer optimalen Ablauforganisation größte Bedeutung zu. SCHROTH trug und trägt dem Rechnung, etwa durch die Berufung des zweiten Geschäftsführers Bernd Wallraff, die Einrichtung der Position eines Produktmanagers oder jüngst den Ausbau der Entwicklungsabteilung und ihren Umzug ins Kaiserhaus.

Blick zurück und nach vorn
Mitte der 1990er postulierte der Soziologe Ulrich Beck, dass die Bedeutung des Lokalen im Zeitalter der Globalisierung noch zunehmen werde. SCHROTH bietet ein Beispiel dafür, wie ein mittelständisches Unternehmen von einem Standort im Grünen aus weltweit erfolgreich sein kann. 60 Jahre Firmengeschichte lassen Grundmuster des Erfolgs erkennen:

Die Insassensicherheit in Verkehrs- und Transportmitteln – egal ob in der Luft oder am Boden - ist seit fast 60 Jahren das zentrale Arbeitsfeld von SCHROTH geblieben. Erkenntnisse auf diesem Feld wurden und werden systematisch für die verschiedensten Teilbereiche genutzt.
Unternehmenserfolg definiert sich für SCHROTH nicht durch kurzfristige Umsatz- und Gewinnentwicklungen, sondern zielt auf die nachhaltige Sicherung des Standortes und des Wachstums des Unternehmens. Diese Grundeinstellung prägte viele Entscheidungen etwa 1973, 1991 aber auch in jüngster Zeit.
Als Weg zum Ziel gilt dabei nicht eine Massenproduktion mit geringen Margen, sondern die andauernde Suche nach Nischen, nach besonderen Problemfeldern und Herausforderungen, die intelligente, nach Kundenwünschen maßgeschneiderte Produkte mit hoher Wertschöpfung erfordern. Hier gilt es mit technologischem Fortschritt, exzellentem Service und hoher Lieferfähigkeit zu punkten.
Diese Ausrichtung entspricht durchaus dem persönlichen Naturell des Unternehmers Carl J. Schroth, der mit Leib und Seele nicht nur Wirtschaftler, sondern auch Konstrukteur und Problemlöser ist. Hinzu kommt eine gute Portion sportlicher Ehrgeiz. Denn in den ausgewählten Nischen will SCHROTH weltweit Erster werden und bleiben.
In Nischen Erfolg haben kann nur, wer immer wieder über den Tellerrand blickt, um mittel- und langfristig Trends zu erkennen, um neue Nischen zu entdecken, aber auch um Partner zu finden. In modernen, kapitalintensiven und globalisierten Märkten können angesichts weltweit agierender Konzerne nur Unternehmenskooperationen Erfolg bringen.
Ziel einer Unternehmenskultur, die unter anderem auf Offenheit und Vertrauen basiert, ist es, langfristig und nachhaltig Motivation, Flexibilität und Leistungsbereitschaft aller MitarbeiterInnen für eine gemeinsame Zukunft zu erhalten.
Lässt sich aus 60 Jahren SCHROTH eine besondere Quintessenz für den Standort Deutschland ziehen? Ja, mit den Worten von Ulrich Beck:
„Die größere Bedeutung der Selbstbestimmung, die größere Rolle der Eigeninitiative, das Unternehmerische, das Schöpferische sind bei uns viel stärker zu akzentuieren."
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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